Gespräch mit einem Afrikaner

Was ist eigentlich unsere Gesellschaft?

Nein, jetzt bitte keine Sozi- und Philo-Hefter hervorkramen, sondern einfach mal kurz überlegen, was euch bei diesem Wort in den Sinn kommt. Ein eher beklemmendes Gefühl der Systemunterwerfung oder vielleicht die glitzernde Vorstellung der High Society?
Das „Mein-Haus-mein-Auto-meine-Kinder“-Vorstadtklischee? Oder regt sich da gar nichts?

Wir alle befinden uns in der letzten Runde in Richtung der Zielgeraden, wo auf einem großen Transparent ABITUR 2008 leuchtet. Ja, und dann?
Die Rolle als Schüler wird bald abgelegt sein und egal ob Studium, Ausbildung, Zivildienst oder Arbeit – jeder nimmt erneut einen Platz in der Gesellschaft ein. Und was wird dabei von uns erwartet? In der Hinsicht gibt es nichts neues: Leistung! Leistung! Leistung!

Es wird hart gearbeitet, gebüffelt und geklotzt für… ja für was eigentlich?
Das fragte mich neulich auch ein Afrikaner im Krankenhaus.

- Warum studiert ihr so lange? Warum bekommt ihr so spät oder gar nicht Kinder? Warum seid ihr nie zufrieden? Warum heißt es immer „Keine Zeit“?

Nun, da springt die Antwort deutlich hervor: Geld!

- Geld macht doch nicht glücklich! , entrüstet sich mein Freund.

Ich fasele ausweichend etwas von Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Komfort, was dann ja auch das Kinderproblem erklären dürfte. Seine schwarzen Augen werden immer größer und strahlen dabei höchstes Unverständnis aus.

- In Afrika war ich der Chef einer Firma und hatte viel Geld. Ich nahm was ich brauchte und gab viel meiner Familie. Es blieb trotzdem was übrig und ich musste feststellen, dass meine Tochter durch die vielen Geschenke immer quengeliger und gieriger wurde. Papa war nur noch der Sponsor. Nichts mehr.

Mir schießt unwillkürlich die „Wenn Papa tot ist, kauf ich mir ein Ponyhof“- Werbung für eine Versicherung durch den Kopf. Ja, es ist wirklich traurig mit unserer Gesellschaft.

Doch was lässt sich da machen. Ab ins Outback? Sich irgendeiner Punk-Bewegung auf der Straße anschließen um von vorbeilaufenden Omis und deren „Und das soll meine Rente zahlen“- Klagen genervt werden? Ein massenhafter Ausstieg wäre zwar ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit, stürzt den Sozialstaat letztendlich aber nur noch tiefer in den Abgrund. Überhaupt hat man für solche Sachen keine Zeit. Uups, da war doch was.

Ich frage den kleinen Schwarzen, wie man denn bei ihm zu Hause den Begriff behandelt.

- Du würdest hier auf der Straße viele Afrikaner sitzen und miteinander reden sehen. Und das nicht, weil sie Penner sind, sondern es sich gut gehen lassen. Einsamkeit gibt es bei uns kaum. Wenn du ihnen sagst, du hast keine Zeit, würden sie dich fragen, wo du denn hin musst. Sie denken, die Europäer treiben mit ihrem Gehetze die Zeit voran und laufen so schneller in den Tod.

Allerdings. Allein die ganzen Medikamente und Krankheiten aufgrund des alltäglich-normalen Stressfaktors geben ein deutliches Indiz. Von Müdigkeit bis zur Ganzkörperlähmung ohne Erklärung – Die Ärztezimmer sind voller als bei dem dunklen Kontinent, wo man sich noch mit ganz anderen Krankheiten, wie Malaria oder den HIV-Virus herumschlagen muss (oder liegt das vielleicht daran, dass in Afrika kaum Ärzte praktizieren?). Jedenfalls geht ohne Aspirin keiner mehr aus dem Haus und für jede Krankheit gibt es hier ein Wundermittelchen, und sei es für die voranschreitenden Volkskrankheiten wie Rückenbeschwerden oder Schwerleibigkeit. Voll gedopt mit Chemikalien für Leistung und gesellschaftlichen Perfektionissmus. Zur Lebendigkeit führt das ganze allemal nicht.

Hmm, das bringt ja echt zum Grübeln. Kann man dieser Gesellschaft denn auch was Positives abgewinnen? Der Afrikaner lächelt traurig

- In Deutschland ist Ordnung und Demokratie. Außer beim Asyl, natürlich.

Na, wie beruhigend.

                                                                 by Anne-Sophie Steinbach

28.11.07 19:26

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